Make love not war – Gedanken zum Fest Mariä Empfängnis

Notre-Dame von Marc Chagall

Das Hochfest von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“ – kurz „Mariä Empfängnis“ zählt zu meinen Lieblingsfesten, weil es auch von meiner eigenen Sehnsucht nach einer Welt erzählt, die nicht beherrscht ist von Kriegen und Zerstörungen.

Um mich der Bedeutung des Festes anzunähern, wähle ich aus aktuellen Gründen eine Lithographie von Marc Chagall. Soeben wurde in Paris die Kathedrale Notre-Dame wieder eröffnet. Das wichtigste Nationalmonument Frankreichs wurde vor fünf Jahren durch einen Brand massiv zerstört. Notre-Dame ist auch eine Geschichte der Marienverehrung. Ihre Eröffnung geschah deswegen bewusst an einem der wichtigsten Marienfeiertage.

 Erst vor kurzem sah ich die große Chagall-Ausstellung in der Albertina in Wien und ließ mich „berauschen“ von der bildgewordenen theologischen Dichte des Künstlers. Chagall nahm zentrale christliche Elemente in seine Kunst auf, weil er Jüdisches und Christliches stets in Verbindung miteinander dachte. Maria, die Mutter Jesu, war deswegen auch eines seiner Motive. Das Bild „Mère et enfant devant Notre-Dame“ (Maria und das Kind vor Notre-Dame) stammt aus dem Jahr 1952. Die filigrane Zeichnung zeigt die Kathedrale Notre-Dame, die Maria gewidmet ist. Maria vor den bekannten Türmen der Kathedrale wird von Chagall in ihrer ganzen Natürlichkeit gemalt. Keine Kleider bedecken sie. Sie hält Jesus in ihrem Arm. Die türkisblauen und gelbgrünen Farbkreise drücken Harmonie und Fürsorge aus. Oft hat Chagall auch den Hahn als französisches Nationalsymbol in seine Bilder gebracht. Chagalls Mariendarstellungen sind voll natürlicher und erotischer Sinnlichkeit.

Sinnliche Empfänglichkeit

Das Fest „Mariä Empfängnis“ wurde immer wieder in einer Weise interpretiert, dass die junge jüdische Frau Mirjam von Nazareth quasi entmenschlicht und überirdisch stilisiert wurde. Dabei diente der Festtag mit seinem sperrigen Dogma dazu, das Sinnlich-Erotische aus der jungen jüdischen Frau zu nehmen. Das oft falsch verstandene mythische Bild von der Jungfrauschaft, das in das „Hochfest von der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ hineinverstrickt worden ist, ist mehrfach missverständlich. Mit Blick auf eine wertschätzende Haltung gegenüber dem Leiblichen kann es dysfunktional wirken.

Nicht länger sexualfeindlich!

Die Zahl jener, die hinter dem Fest am 8. Dezember vermuten, dass es um Jesu Empfängnis ginge – was sich rein biologisch bei einer durchschnittlich neunmonatigen Schwangerschaft und einer Geburt, die rund 14 Tage später liegt, nicht ausginge – wird größer. Sinnentleerter wird so auch das Fest. Der Begriff „unbefleckte Empfängnis“ tut das seine dazu, um sexuelle Konnotationen zu wecken im Sinne des Narrativs, die Kirche würde mit Sexualität ein Beflecken verbinden. Hinzu kommt noch die Kombination mit „Erbsünde“. Dann sind wir eben bei dem Konstrukt: Jungfrau – unbefleckt – ohne Erbsünde: Achtung Sexualität!

Jungfrau ist theologischer Mythos

Tatsache ist jedoch erstens, dass der Titel Jungfrau mit Bezug auf Maria nicht im Sinne einer biologischen Jungfräulichkeit zu verstehen ist. Mit dem Weihnachtsfest verbinden wir die zentrale theologischen Aussage, dass Gott* ganz Mensch wird. Das wiederum bedeutet die so notwendige Aufwertung des Menschlichen schlechthin. Im Menschlichen realisiert sich das Göttliche. Das Christentum ist somit keine Abkehr von der Welt und vom Menschen mit all seinen Dimensionen, sondern die radikale Hinwendung. Wir sehen dies auch sinnfällig formuliert in einem anderen Mariendogma: Der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. „Was Maria so anziehend macht, ist ihre Menschlichkeit“, schrieb Erzbischof Christoph Schönborn in einem seiner Kommentare zum Festtag Mariä Empfängnis in der Kronenzeitung.

Erbsünde bedeutet sündhafte Verstrickungen in Strukturen des Bösen

Zweitens handelt es sich bei der Erbsünde nicht um eine sexuelle Dimension, sondern vielmehr um die Ursünde, die bereits im Adam-Eva-Mythos als Sünde von Rivalität und Gewalt beschrieben wird. Es geht also um sündhafte Verstrickungen in Strukturen und Mechanismen des Bösen.

Damit wird aber deutlich, worum es beim Fest Mariä Empfängnis geht: Um die Grunderfahrung – die sich in diesem Dogma verdichtet – dass es möglich ist, wie Maria auszubrechen aus den Teufelskreisen von Gewalt und Gegengewalt, Lüge und Versteckspiel, Feindschaft und Unversöhnlichkeit. Unbefleckt kann heute heißen: Die Freiheit und den Mut in sich zu spüren, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, Feinde zu Freunden zu machen, Unversöhntes in Versöhnung zu führen. Wir haben die Wahl, entweder mitzumachen im Untergang dieser Welt oder durch ein anderes Leben diese Welt zu retten. Niemand zwingt mich, bei einem Onlineriesen steuerbefreit einzukaufen oder ein umweltfeindliches Produkt zu erwerben. Ich bin frei, ökologisch-nachhaltig Schritte zu setzen und so die Luft und die Erde weniger mit Abgasen und Müll zu be-FLECKEN. Jeder und jede von uns ist frei, Nahrungsmittel zu wählen, die nicht mit der Ausbeutung und dem Leid von Tieren verknüpft sind, ist frei, auf Autofahrten weitestgehend zu verzichten und umweltfreundliche Fortbewegungsmittel zu wählen. Wir alle können heute beginnen, einem Menschen, der mich angrantelt, mit einem lächelnden Blick zu begegnen

Erwählt zur Befreiung

Der evangelische Superintendent von Tirol, Olivier Dantine, weist mit Bezug auf Dietrich Bonhoeffer auf einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit der Interpretation von der Befreiung von der Erbsünde hin. Wäre Maria schon von der Empfängnis an „erbsündenfrei“ gewesen, dann wäre ihr Befreiungswerk wohl weniger radikal gewesen. Sie hätte gar nicht anders handeln können. Es wäre auch, was die ontologische Qualität der Erbsünde betrifft, gar nicht möglich und würde ihr widersprechen. Daraus folgt, dass die Größe Mariens darin besteht, dass sie sich eben nicht „anstecken“ lässt von dieser Erbsünde, dass es ihr gelingt, anknüpfend an die ganze jüdische Tradition, an die Erzeltern Sarah und Abraham, an die Prophetinnen und Propheten des Alten Bundes, durch ihre Beziehung zur Mutter Anna, zu Elisabeth und all den Frauen und Männern, mit denen sie unterwegs war, vor allem aber auch durch ihren Sohn Jesus, den sündhaften Strukturen und Mechanismen zu widersagen.

In den orthodoxen Kirchen wird daher das Fest von der Empfängnis Mariens weniger missverständlich „Fest der Erwählung Mariens“ genannt. Bibeltheologisch gesehen geschieht die Berufung Mariens durch den Engel Gabriel im Lukasevangelium wie eine typische Prophetenberufung. Da ist der Ruf Gottes, die Auserwählung, dann das Erschrecken über diese Berufung und schließlich die Zusicherung, dass Gott* sie auf diesem Weg unterstützen wird.

Gott* erwählt nicht nur Maria von ihrer Empfängnis an zu einem Leben in Freiheit, zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit sowie zu radikaler Nächstenliebe, sondern wir alle könnten „unbefleckt“ auf göttlichen Wegen wandeln. Dann entdecke ich die bleibende Dynamik hinter dem Fest „Mariä Empfängnis“ in all jenen Bewegungen und Personen, die heute authentisch klimafreundlich leben, die heute beginnen, Reichtümer zu teilen, damit es ein gutes Leben für alle gibt, die heute nicht um sich kreisen, sondern die Nöte ringsherum wahrnehmen und handeln. Es ist möglich!

Klaus Heidegger, Nachdenken über das Fest Mariä Empfängnis

Kommentare

  1. Danke, lieber Klaus! Endlich eine plausibel Argumentation. Mit diesem Widerspruch: „Wäre Maria schon von der Empfängnis an „erbsündenfrei“ gewesen, dann wäre ihr Befreiungswerk wohl weniger radikal gewesen. Sie hätte gar nicht anders handeln können. Es wäre auch, was die ontologische Qualität der Erbsünde betrifft, gar nicht möglich und würde ihr widersprechen.“ Habe ich meine Dogmatik-Professor*innen gelöchert und leider nur zug Buchemofehlungen bekommen.
    In meinem Unterricht (Volksschule) habe ich immer vom Fest der Erwählung Marias gesprochen und die Legende von Anna und Joachim am Goldenen Tor erzählt. Liebe Grüße. Herta

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